Früher, also in meiner Jugend, die auch schon etwas länger her ist, gehörten Handarbeiten quasi zu jeder Frau. Ob jung oder alt: Wer nicht stricken, häkeln und nähen konnte, war weder heirats- noch lebensfähig. Eine Familie zu haben, ohne rudimentäre Kenntnisse in Handarbeiten, schlicht undenkbar! Kein Wunder also wenn meine Generation spätestens in der 1. Klasse an die Nadel geführt wurde. Bei mir war das nicht anders, wobei erschwerend der Beruf meiner Mutter hinzukam: Sie war eine gelernte Damenschneiderin und es ihr gleichzutun war quasi von klein auf meine Tochterpflicht. Ich habe sie nicht immer gerne erfüllt, aber heute bin ich doch sehr dankbar dafür, bei Bedarf, Lust und Laune Kleidung und andere schöne Dinge auch selbst nähen, häkeln oder stricken zu können.

Kreative Texte statt Handarbeiten. Wieso eigentlich statt?

Dennoch verschwanden die Handarbeiten plötzlich aus meinem Leben. Als ich mich vor 20 Jahren als Texterin selbstständig machte, hatten andere Dinge Priorität: Geld verdienen, Kunden finden, kreative Projekte entwickeln und betexten, daneben drei Kinder alleine groß kriegen, Haushalt, Selbstversorger-Garten … schließlich ist nach 24 Stunden auch mein Tag vorbei. Da ist schlicht kein Platz mehr für Handarbeiten, selbst dann nicht, als ich jahrelang Newsletter für einen Handarbeitsshop getextet habe. Im Nachhinein ärgere ich mich ein wenig darüber, dass ich damals nicht mehr aus dem „echten Leben einer Handarbeiterin“ mit in das Projekt einfließen lassen konnte. Facebook war damals auch noch kein Thema und das Budget des Wollladens denkbar klein. Für authentische Wolle- und Co-Texte aus der Praxis hätte es keinen Cent gegeben, noch nicht einmal Anschauungsmaterial. Heute denkt die ehemalige Kundin vermutlich anders darüber.

Plötzlich ist Handarbeiten ist wieder in!

Dann kam das große Sterben der Handarbeitsgeschäfte. Früher hatte jedes Dorf mindestens einen kleinen Wolle- und Handarbeitsladen und niemand musste für Sockenwolle, Nähgarn oder ein paar Knöpfe in die Stadt fahren. Das hat sich geändert. Von den kleinen, alt eingeführten Handarbeitsgeschäften hier auf dem Land haben 90 Prozent zugemacht. Erst kurz vor Weihnachten hat das letzte Geschäft im Nachbardorf geschlossen aber die gute Nachricht ist: Es gibt tatsächlich eine Nachfolgerin! Ich bin schon jetzt schwer begeistert, dass sich doch noch jemand gefunden hat, der, wie ich, an die neue Lust am Handarbeiten glaubt.

Junge Frauen tun es wieder und Männer bekennen sich endlich auch zur Lust am Handarbeiten.

Als vor vier Jahren plötzlich der erste Enkel kam, entdeckte meine Tochter plötzlich das Nähen für sich. Basteln war schon immer ihr Ding, aber Handarbeiten? Nicht um alles in der Welt! Heute heißt es: Mama, bring‘ mir bitte das Häkeln bei. Meine Freundin erwartet ein Baby und ich will ihr eine Babydecke häkeln. Auch die Freundin des jüngsten Sohnes strickt neuerdings und lässt sich dabei gerne von mir helfen. Seitdem sie weiß, dass herunter gefallene Maschen kein Beinbruch sind, nimmt sie die Nadeln gleich viel lockerer zur Hand. Schaue ich mich bei der Mama-Gruppe auf Facebook um, zeigen die jungen Frauen stolz ihre letzten Werke: Selbst gemachte Kleidung für sich und die lieben Kleinen. Lustige Mützen, praktische Krabbelhosen, Pullis, Kleidchen, hach .. . wie schön. Ich fühle mich um Jahrzehnte zurück in die 70er- und 80er-Jahre katapultiert und freue mich riesig über diesen Hype.

Vom Sparen durch Handarbeiten kann zwar längst keine Rede mehr sein, dazu sind die Materialien leider zu teuer, wohl aber vom Spaß an der eigenen Kreativität. Und an Individualität. Was für ein gesellschaftlicher Gewinn. Auch dass Männer inzwischen öffentlich stricken und häkeln finde ich grandios. Im hohen Norden haben Kerle zwar schon immer Troyer und Mützen gestrickt, aber für Jahrzehnte taten sie es nicht offen, frei und mit sichtlichen Vergnügen, so wie jetzt. Bravo!

Mein Fazit: Ran an die Nadeln, ihr starken Frauen und Kerle. Lasst eurer Kreativität freien Lauf. Vergesst H&M und mies bezahlte Textilarbeiter in Indien. Seid ihr selbst und tragt eure eigene Markenkleidung. Auf den eigenen Bauch geschneidert und in den schönsten Farben der Saison. Nur Mut!

Sam Barsky strickt am liebsten Sehenswürdigkeiten, die er besucht.
Artistic Knitting of Sam Barsky

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